Vom Mühlweg zum Champagnatplatz –

kleine Geschichte des Maristenkollegs


Manchmal hat große Not auch ihr Gutes. Anders wäre wohl diese Kleinstadt Mindelheim im Voralpenland, gelegen zwischen Memmingen und Kaufbeuren, nicht zu einem Gymnasium gekommen. Jedenfalls nicht zu so einem, wie man annnehmen darf und muss. Die Stadt hatte sich, das kann so gesagt werden, übernommen, sah sich im Jahr 1924 mit den Folgen der Hyperinflation, die in der Provinz noch stärker zu spüren war als in den Städten, nicht mehr in der Lage, ihr 1923 begonnenes Altenheim oder „Bürgerhaus“ fertigzustellen, es blieb unklar, was mit dem Rohbau geschehen sollte. Diese „Investitionsruine“ suchte ihre Bestimmung.
Fast zeitgleich verloren die Maristen – Schulbrüder ihre Heimstatt in Stein an der Traun, suchten eine neue Wirkungsstätte, auch ein Zuhause für das Juvenat. Da bot sich die in Mindelheim ungeklärte Situation an, hier eine Realschule einzurichten, zu beiderseitigem Gedeihen, besonders aber auch der Jugend des Ortes und der Umgebung.
Schon am 16. April 1926 wurde die Private Realschule der Maristen im Mühlweg 34 mit 98 Schülern eröffnet. Offenkundig mit viel Liebe und Sachverstand geführt, bewährte sich diese neue Schule auch unter den strengen Augen des Staates, bereits am 14. Februar stand eine Beförderung an: Eine sechsstufige Lateinabteilung sollte angegliedert werden, das bedeutete, dass aus der Realschule ein Progymnasium werden durfte. Die Keimzelle für das heutige Maristenkolleg, Realschule und Gymnasium, war gelegt. Mit Eifer begannen die Maristen – Schulbrüder, die neue Schulform mit Leben zu erfüllen, und bereits im März 1936 fand die erste Abschlussprüfung am Progymnasium statt.
Doch auch Mindelheim stand nicht außerhalb der Geschichte. Der antichristliche Charakter, den das seit 1933 im Deutschen Reich und damit auch in Bayern herrschende Regime hatte, wollte sich totalitär durchsetzen, gerade auch im Bildungssektor. Mit dem 26. 12. 1936, wohl absichtlich zu Weihnachten, untersagte das Bayerische Ministerium für Unterricht und Kultus allen Ordensleuten, Schulunterricht zu erteilen, also auch den Maristen. Diese konnten nur noch einen Pachtvertrag mit der Stadt Mindelheim aushandeln, und, für den Fall, dass besagter ministerieller Erlass zurückgenommen würde, sei das Eintreten der Stadt Mindelheim als Trägerin der Schule gegenstandslos.
Die neuen Herren der Schule bauten diese zu einer sogenannten „Vollanstalt“ aus, im Jahr 1939 gab es dann auch einen neuen Namen: Städtische Oberrealschule mit Gymnasium. Aber, wenn man so mag, „Unrecht Gut gedeihet nicht!“ – Wenig Schulisches ist aus diesen Jahren zu berichten: Schon im September 1939 wird das Schülerheim für militärische Zwecke beschlagnahmt, geschlossen dann 1943. Das Schulgebäude wird als Lazarett umgewidmet, Unterricht findet so gut wie kaum noch statt. In den Jahren 1942 – 1944 fallen alle Reifeprüfungen aus. Am 10. Februar 1945 muss die Schule dann ganz geräumt werden, das Reserve - Lazarett für Kiefer- und Gesichtsverletzte zieht ein.
Am 26. April 1945 besetzen die Amerikaner die Stadt.
145 Schüler und Lehrer der Schule waren gefallen oder vermisst.
Die Maristen hatten ihre Schule nie aus den Augen verloren, schon am 29. September dieses Jahres baten sie die Stadt Mindelheim um Rückgabe der Schule, was allerdings nicht ohne weiteres möglich war, denn wohin mit den Schwerverletzten im Lazarett? Provisorische Schulräume, bis hier eine Lösung geriert werden konnte, war die Idee der Zeit: In der Maximilianstraße 60 fanden sich dann fünf Räume zum Schichtunterricht für 370 Schüler unter dem ersten Oberstudiendirektor nach dem Krieg, Frater Dr. Anton Metzger.
Der „Mühlweg 34“, das angestammte Schulgebäude, wurde dann doch glücklicherweise wieder frei, 1946 zum September, konnte es seiner geplanten Nutzung als „TBC – Krankenhaus für Schwaben" entgehen. Auch allein an dieser Idee sieht man die Not dieser Zeit, Raum war knapp – Prioritäten mussten gewichtet werden, die Entscheidung fiel zugunsten der Bildung, bestimmt auch in der Hoffnung auf zukünftige Generationen, ein Fingerzeig.
Die weitere Geschichte „unseres Maristenkollegs“ liest sich dann wie eine Erfolgsgeschichte, deren Ende bei weitem nicht absehbar ist:
1950 konnte die eigene Kirche geweiht werden, nun hatte man auch den so lange ersehnten geistlichen Mittelpunkt, jeden neuen „Tag des Herrn“ mit einem Gottesdienst beginnen zu können.
Aber Raum war immer noch knapp, dies lag nicht allein am Zuzug neuer Bürger nach Mindelheim, der Ruf von Internat und Schule sorgte vornehmlich dafür, dass Platz geschaffen werden musste. Die Stadt zeigte sich sehr aufgeschlossen und übertrug ein Gelände „auf der Nattererwiese“ gegenüber des angestammten Gebäudes an die Maristen – Schulbrüder. Ein Neubau sollte erstellt werden, heute noch ist dieses Gebäude der Haupttrakt des Maristenkollegs, das 1965 wieder einen neuen Namen erhielt: Maristen – Oberrealschule war man geworden mit Realgymnasium und grundständiger Mittelschule. Die Bedeutung der Schule lässt sich nunmehr an einer Adressenänderung ablesen: Aus dem Mühlweg wurde zum 19. Juli 1967 der Champagnatplatz 1, das Internat, die ehemalige Schule, erhielt die Hausnummern Champagnatplatz 2 und 4. Ein eigener Stadtteil der Maristen in Mindelheim hatte zu wachsen begonnen. Schon aus der Luft betrachtet nimmt das Gelände des Maristenkollegs heute eine beträchtliche Fläche des Stadtgebietes von Mindelheim ein, kamen doch im Laufe der Jahrzehnte bis heute noch einige Großbauten hinzu: Erweiterung des Hauptgebäudes zu einem Viereck (1973), Fachtrakt (1977), Dreifachturnhalle (1978) und 1994 der „Neubau“, der das Geviert zwischen Bahnlinie und Champagnatplatz endgültig ausfüllte.
Wie weitsichtig und modern die Maristen – Schulbrüder unter dem neuen Schulleiter Frater Lorenz Zucker (1967) hierbei immer dachten, lässt sich aber auch an Folgendem ablesen: Bereits 1969 wurde ein Tagesheim eingeführt mit einer Klasse in Nachmittagsbetreuung (!), Dinge, über die man heute, 40 Jahre später, in Bayern erst diskutiert. Auch Mädchen als Schülerinnen gab es dann, 1973 übernahm man das Mauritia – Febronia – Gymnasium in Mindelheim, schon unter Frater Ludwig Spitzer, dem Oberstudiendirektor und „Oberbaurat“ des Maristenkollegs seit eben diesem Jahr. Er ist es, der die großen Baumaßnahmen verantworten kann, in seiner Ära wuchs die Schule – seit 1985 Maristenkolleg Mindelheim, Gymnasium und Realschule - wie nie zuvor, über 2000 Schüler brauchten ihren Raum, gerüstet war so die Schule für das 21. Jahrhundert, geradezu visionär hatte Frater Ludwig dieses Ziel verfolgt.
Von 1993 bis 2009 leitete Oberstudiendirektor Franz Filser das Maristenkolleg, unter seiner Ägide geht der Neubau mit Klassen- und Fachräumen in Betrieb, dazu kommen Tagesheim, eine modern ausgestattete Mensa und ein geistliches Zentrum. Letztlich war so schon die Basis geschaffen worden für die Anforderungen der Gegenwart, die im Zuge des G 8 erhöhten Bedarf an ganztägiger Schulkapazität bedeuten.
Maristenkolleg und Stadt Mindelheim mit dem Schulwerk der Diözese Augsburg, zu dem die Schule seit 1995 gehört, arbeiten nunmehr seit fast einem Jahrhundert zum Wohle der Schüler in Mindelheim und Umgebung.
Man könnte es das maristische Jahrhundert in Mindelheim nennen.

M. Weiß – Paschke, OStR i. K.

Eine tabellarische Darstellung der Geschichte des Maristenkollegs Mindelheim ist zu finden in: Schamberger, Frater Heinrich. 80 Jahre Maristenbrüder und Maristenkolleg in Mindelheim; in: Jahresbericht des Maristenkollegs Mindelheim, 2005/2006. Mindelheim, 2006. Seiten 188 ff.