Ein ganz besonderes Seminar

Dem Äußeren nach könnte Michael Scheidl auch ein Investmentbanker in der Mittagspause sein: Nadelstreifenanzug, die Haare leicht verstrubbelt, der oberste Hemdknopf steht offen. So sitzt er in einem Flur des Maristenkollegs und erzählt, wie wichtig es ist, sich seiner Stärken bewusst zu sein.

Scheidl ist eine Art Motivationstrainer. Er und sein Team verbinden Erkenntnisse aus der Lernpraxis, Neurologie und Pädagogik. Unter dem Namen „Powerlearning“ hat Scheidl in den vergangenen beiden Jahren am Maristenkolleg schon Seminare abgehalten. Schüler konnten sich neue Lerntechniken aneignen und durften in den Pausen mit einem Ball durch die Gänge toben oder ihre Musik laut aufdrehen. Das neue Konzept nennt sich „360 – Kompetenz neu erleben“ und soll noch interaktiver sein, noch lebendiger als das alte.

Im Klassenzimmer der 5a steht ein Trainer namens Johannes vor einer Gruppe Fünftklässler. Es spielt leise klassische Musik und Johannes hat an der Tafel schon einmal vorgemacht, was die anderen nun auch machen sollen, nämlich zu jedem Buchstaben ihres Namens eine Charaktereigenschaft finden. „Das Wichtigste ist, dass dir zu deinem Anfangsbuchstaben was Positives einfällt“, sagt Johannes.

Nach fünf Minuten ist es dann so weit. Ein Schüler nach dem anderen kommt nach vorne und stellt sich vor: Der ansprechbare Alexander. Der musikalische Markus. Der fröhliche Fabian. Jeder bekommt heftigen Applaus. Auch das ist Teil des Konzepts.

„Powerlearning, das war schon so ein Tschakka-Seminar“, sagt Scheidl. Den Schülern sollte vermittelt werden, dass sie für Erfolg zwei Dinge bräuchten: Motivation und die nötigen Lerntechniken. „Und es ist gar nicht so einfach, einem Achtklässler beizubringen, dass Lernen und Schule vielleicht doch cool sind“, sagt Scheidl. Deswegen ist auch im neuen Konzept noch viel Platz für Tschakka und ein bisschen Show.

Auch Applaus muss man aushalten können

In Raum 119 sitzt Scheidl selbst mit einem Dutzend älterer Schüler zusammen. Hier geht es vor allem um Rhetorik und Präsentation. „Der Nächste auf die Bühne“, ruft Scheidl wie ein überdrehter Schlagermoderator ins Publikum. Erst kommt Christoph (17) nach vorne, der sein Lampenfieber loswerden möchte, dann Maria (15), die sich bei Vorträgen nicht mehr so oft verhaspeln will. „Wohoo“, grölt Scheidl nach jeder kurzen Vorstellung und klatscht wie besessen in die Hände. „Ihr seid der Star auf der Bühne. Ihr müsst Applaus auch mal länger aushalten können“, sagt er und klatscht weiter.

70 Schüler haben sich heuer für das zweitägige Seminar angemeldet. 47 Euro hat jeder gezahlt. Ob sich das Notenbild danach verbessert habe, sei nicht erhoben worden, sagt Maria Schmölz, Konrektorin der Realschule am Maristenkolleg. Aber das Feedback sei sehr positiv gewesen: Die Prüfungsangst habe bei einigen abgenommen. Andere hätten danach ihre Hausaufgaben effektiver bewältigt. Deswegen habe sich die Schule dieses Jahr wieder Scheidl und seinem Team geöffnet.

Zeitungsbericht der Mindelheimer Zeitung vom 26.10.2011
 

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