Kling Bällchen, klingelingeling
Wie weiß man beim Blindenfußball, wo Ball und Mitspieler sind? Kann man aus dem Rollstuhl einen Basketballkorb treffen? Unsere Mitarbeiterin hat es versucht
Mindelheim Auf einmal sehe ich nichts mehr – alles ist schwarz. Gerade eben habe ich mir die abgedunkelte Brille mit dem Kopfschutz aufgesetzt. Und ich muss sagen, ich komme mir total hilflos vor. Den klingelnden Ball muss man mir direkt in die Hand geben, ich kann mich nur auf die Stimmen der anderen Personen verlassen. Und so Fußball spielen? Schon zu Beginn wird mir klar – das ist eine große Leistung.
Das durften nun auch zwei achte Klassen des Maristenkollegs in Mindelheim am eigenen Leib erfahren und selbst ausprobieren. Im Rahmen der Aktion „Neue Sporterfahrung“ testeten sie Blindenfußball und Rollstuhlbasketball. Beim Blindenfußball fallen zunächst noch ein paar alberne Sprüche. Dann wird es ernst: Auf sich allein gestellt können sich die Schüler nur durch Stimmen im Raum orientieren. Sebastian Müller, von der Aktion „Neue Sporterfahrung“, ruft ihnen Kommandos zu. „Einen Schritt nach rechts – auf den Boden – ganze Drehung“, schallt es durch die Halle. „Jetzt zeigt alle in die Richtung der Türe“, weist er die Schüler an. Und die Finger zeigen alle in völlig unterschiedliche Richtungen.
Fatos, einer der Achtklässler, ist sofort begeistert. „Das macht total Spaß“, sagt er. Gemeinsam mit einem Partner sind jetzt die ersten Ballübungen dran. Einer der beiden nimmt die Brille ab und dirigiert seinen Partner mit Rufen und Kommandos durch die Halle, der andere versucht, den Ball vor sich her zu dribbeln. „Das war etwas ganz Neues, man hat überhaupt keine Orientierung, wenn man nichts sieht“, sagen Fatos und Marco später. Ich kann es mir nach meiner Erfahrung mit der dunklen Brille bildhaft vorstellen. Beide Jungen spielen selbst Fußball, doch Blindenfußball ist etwas ganz anderes. „Oft ist es so, dass diese Sportart Nicht-Fußballern mehr Spaß macht“, erzählt Rainer Link, vom Projekt „Neue Sporterfahrung“. Alle Schüler seien am Anfang gleich schlecht, weil es für jeden ungewohnt ist, nichts zu sehen.
Als ich später zurück in die Halle komme, verschlägt es mir fast die Sprache, inzwischen hat sich ein richtiges Fußballspiel entwickelt. Und Tore fallen am laufenden Band. Hinter den Toren geben zwei sehende „Guides“ den Spielern Anweisungen. Wenn der Ball ins Aus rollt, lässt Rainer Link ihn so lange klingeln, bis ein Spieler weiß, wo er sich befindet. Die Mannschaft von Fatos und Marco siegt schlussendlich mit acht Toren. „Es hat sehr viel Spaß gemacht, das Spiel am Ende war das Beste“, sind sich die beiden einig.
In der zweiten Halle stehen für die Schüler Rollstühle bereit. Doch zunächst gibt es Theorie: Die Leiter der Übung, Florian Fischer und Stefan Markus, besprechen mit den Achtklässlern die Unterschiede eines normalen und eines Sportrollstuhls. Bei der sportlichen Variante sind die Räder schräg gestellt und es gibt ein Stützrad, um nicht so leicht umzukippen. So langsam werden die Schüler wieder gesprächiger, zuvor waren sie alle ganz kleinlaut geworden.
„Ich hatte vor 14 Jahren einen Skiunfall, seitdem bin ich querschnittsgelähmt“, erzählt Florian Fischer seine Geschichte. Früher hat er Fußball gespielt, heute ist es Rollstuhlbasketball. Der 34-Jährige hat es inzwischen bis in die Bundesliga und in die Nationalmannschaft geschafft. Nun sind aber die Schüler an der Reihe. „Sie sollen erfahren, was im Rollstuhl alles machbar ist“, erklärt Thomas Stephany, der ebenfalls am Projekt beteiligt ist. Nach etwas „Einfahren“ sind die ersten Übungen dran. Mit dem Basketball geht es um ein Hütchen herum. „Immer zwei Mal anschieben, dann zwei mal Prellen“, erklärt Stefan Markus. Auch ich versuche mich daran, so kompliziert scheint die Übung ja nicht zu sein. Doch – zu früh gefreut. Schon beim Hinsetzen muss ich aufpassen, weil der Rollstuhl nach hinten wegrutscht. Allein das präzise Lenken ist eine große Herausforderung für mich. Doch damit bin ich wenigstens nicht allein. „Das ist sauschwer“, stimmt mir Sebastian, einer der Schüler, zu. Jetzt werden die ersten Körbe geworfen, da lasse ich lieber die nun schon geübten Schüler ran. Eine gute Entscheidung – schon beim ersten Versuch erzielen die Schüler Körbe. Auch Sebastian ist erfolgreich. „Zu treffen ist echt Glückssache, das ist wirklich schwer, normalerweise schaff ich das nie“, erzählt er mir.
Das Ende des Projekts bildet ein rasantes Rollstuhlbasketballspiel, das die schwarze Mannschaft mit sechs zu vier gewinnt. Die Einwechselspieler können nicht schnell genug wieder ins Spiel beziehungsweise in den Rollstuhl kommen. „Da ging’s richtig ab, Ihr habt super Spielzüge gezeigt und toll verteidigt“, meint Stefan Markus begeistert. Zum Schluss gab es noch einen Hinweis für die Schüler: Auch ohne Behinderung können sie einem Rollstuhlbasketballverein beitreten, bei den Bundesligaspielen seien sie jederzeit willkommen.