Die goldene Regel

Manuel Hampp besucht das Gymnasium des Maristenkollegs und macht die gleiche Erfahrung wie Schüler vor 20 Jahren auch: Auf den Lehrer kommt es an

Jeder von uns war einmal Schüler. Das ist mal mehr, mal weniger lange her. Seitdem hat sich einiges verändert, die deutsche Bildungslandschaft befindet sich in einem ständigen Wandel. In unserer neuen Serie wollen wir deshalb den Alltag vorstellen, wie er heute an den Schulen herrscht. Wir haben dafür einige Einrichtungen im Landkreis besucht und jeweils einen Schüler einen Tag lang begleitet.

Mindelheim Kein Beamer, kein Activboard, kein elektronischer Zeigestab. Nichts von all dem, was man in einem modernen Klassenzimmer vielleicht erwarten würde. Keine elektronischen Spielereien. Sogar die Wanduhr steht.

Es ist 7.47 Uhr, ein Dienstagmorgen am Maristenkolleg. Manuel Hampp – schwarze Lederjacke, Jeans, abgewetzte Turnschuhe – betritt den Raum. Er schlurft über den grauen Linoleumboden, vorbei an Waschecke, Tafel und Tageslichtprojektor, geht die lange Pinnwand mit dem türkisen Teppichbelag entlang und setzt sich in die vorletzte Reihe. Auch vor 25 Jahren haben Klassenzimmer nicht anders ausgesehen.

Hampp besucht die 11. Klasse des Gymnasiums. Er ist stellvertretender Schulsprecher und sei, so hat es die Schulleitung mitgeteilt, deshalb vermutlich besonders geeignet, um aufzuzeigen, wie der Alltag an deutschen Schulen heute aussieht.

Für Hampp beginnt der Schulalltag schon lange vor dem ersten Gongschlag. Er kommt aus der Nähe von Kirchheim. In seinem Heimatort Derndorf klingelt jeden Morgen um 6.30 Uhr der Wecker. Das frühe Aufstehen macht ihm eigentlich nichts aus. „Das passt schon“, sagt er. Außer bei Latein, Physik oder Musik, da passte es auch manchmal nicht. Doch dieser Fächer hat sich der 18-Jährige mittlerweile entledigt, er hat sie nach der zehnten Klasse abgewählt.

An diesem Dienstag steht zunächst Geschichte bei Brigitte Luther auf dem Stundenplan. Luther ist schon fast so lange an der Schule wie die türkisen Teppichwände in den Klassenzimmern, nämlich über 25 Jahre. In der Zeit hat sie schon fast alles erlebt. Jede Ausrede, jeden Leichtsinnsfehler, jeden modischen Kleidungstrend.

Luther lässt jetzt die Lösungen der Gruppenarbeiten von der Stunde zuvor vortragen. Es geht um die Lehren aus dem Scheitern der Weimarer Republik, um das konstruktive Misstrauensvotum, die Fünfprozenthürde und den unveränderlichen Kern des Grundgesetzes. Bei jeder Frage gehen die Finger in die Höhe, die Antworten der Schüler bauen aufeinander auf. Es ist fast wie in einer Talkshow. Luther muss gar nicht viel tun, nur ein bisschen moderieren. Die 45 Minuten sind schnell vorbei. Nicht in jedermanns Stunde läuft der Unterricht so locker und gesittet ab.

In der dritten Stunde muss Hampp das Klassenzimmer wechseln. Er hat jetzt Wirtschaft. In der zweiten Reihe ist ein Platz frei. Von rechts reicht ein blond gelockter Schüler mit Mütze ein Buch herüber. „Werden Sie brauchen“, sagt er und nickt bekräftigend.

Es dauert keine zehn Minuten, da wird das Buch tatsächlich das erste Mal aufgeschlagen, Seite 93. Es geht um das Sparverhalten der Deutschen. Aus einem Diagramm sollen die Schüler ablesen, welche Berufsgruppen besonders sparfreudig sind.

Der Unterricht hangelt sich an den Vorgaben des Buches entlang. Seite 94. Seite 95. Seite 96. Die Zeit vergeht nur zäh. Zum Abschluss Aufgabe zwei auf Seite 97. Manuel Hampp kauert an die Wand gelehnt in seinem Stuhl, die Arme auf den Oberschenkeln verschränkt.

Schule? „Besser als schaffen“, sagt Hampp nach der Stunde. Nicht immer macht ihm das Schülerdasein Spaß. Es gibt Lehrer, deren Unterricht besucht er gerne. Und es gibt welche, da stöhnen die Schüler schon vor der Stunde. Es hat sich eben nicht viel geändert. Schule ist wie vor 20 Jahren auch.

Nach dem Abi will Hampp in Augsburg Jura oder Geschichte studieren, erzählt er auf dem Flur. Er ist gerade auf dem Weg in den SMV-Raum, in eine andere Welt. Die Wände dort sind gelb, es stehen noch die Überreste vom Unterstufenball herum. Blue Curaçao, Zitronesaft, Coca Cola. Hampp hat jetzt Pause. Es sieht nach Spaß aus.

 

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